Gedenken am Wasserburger Mahnmal

Der 27. Januar 1945 markierte einen Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg. An diesem Tag hat die russische Armee das Konzentrationslager Ausschwitz befreit und erstmals das Ausmaß der Gräueltaten öffentlich gemacht. Seit 1996 markiert dieser Tag bundesweit den Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, den auch die Stadt Wasserburg an ihrem Mahnmal am Heisererplatz zusammen mit Vertretern der Stiftung Attl und dem kbo-Inn-Salzach-Klinikum beging.

Bürgermeister Michael Kölbl beschrieb anhand von drei Personengruppen die Schrecken der NS-Herrschaft: Stellvertretend für die Bewohner der Stiftung Attl und Patienten aus Gabersee zeichnete er das Leben der Maria Blum nach, die von Gabersee nach Schloss Hartheim deportiert und dort ermordet worden ist, sowie das der russischen Zwangsarbeiterin Lilli Emiljanowa, die sich selbst aus Verzweiflung über ihre Situation bei Meggle das Leben nahm.

Demokratie kein Garant für Rechtsstaat

Kölbl erinnerte aber auch an die Wasserburger Stadträte von SPD und der Bayerischen Volkspartei BVP, die nach der Machtergreifung Hitlers schnell in die Rolle von Staatsfeinden gedrängt wurden: Zunächst von den Stadtratssitzungen ausgeschlossen, schließlich sogar verhaftet und ihres Amtes enthoben, waren sie nur ein halbes Jahr nach der Machtergreifung im Januar eingeschüchtert und entmachtet. Ab Juli 1933 bestand der Wasserburger Stadtrat ausschließlich aus NSDAP-Anhängern. Auch die Presse war schnell gleichgeschaltet und verbreitete das NS-Gedankengut. „Ich will damit deutlich machen, wie schnell sich eine Diktatur damals verfestigt hat“, so Michael Kölbl. Und dies habe nicht nur in Berlin oder in den Großstädten stattgefunden, sondern überall – „auch hier vor Ort“.

Recht auf Leben hing von Leistung ab

Anschließend betonten noch Anna Neumüller, Leiterin Ambulante Angebote der Stiftung Attl, die in Vertretung für Vorständin Manuela Keml gekommen war, und Kerstin Weinisch, Pflegedienstleitung am kbo-Inn-Salzach-Klinikum, in ihren Ansprachen, wie wichtig der Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes ist: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“
Systematisch wurden ab 1940 die Bewohner der Stiftung Attl und die Psychiatriepatienten deportiert oder kamen in den sogenannten Hungerhäusern zu Tode: So wie der Attler Bewohner Josef Lanzl, der nach heutigem Stand wohl an einer posttraumatischen Belastungsstörung in Folge des Ersten Weltkriegs litt. Völlig abgemagert starb er in Eglfing-Haar. Anna Neumüller erinnerte auch an das Leid der Barmherzigen Brüder, die selbst ins Fadenkreuz des NS-Regimes gelangten und um ihr Leben fürchten mussten. Leider konnten noch nicht alle Schicksale der 226 deportierten Attler Bewohner bis heute geklärt werden. Mindestens 103 starben aber nachweislich im Rahmen des T4-Programms.

Kerstin Weinisch schließlich erinnerte daran, dass auch Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegekräfte an dem Genozid beteiligt waren und strich die besondere Verantwortung von Einrichtungen und Kliniken heraus: „Unser Auftrag ist es zu schützen, zu begleiten, zu heilen, unabhängig von Herkunft, Krankheit, Geldanschauung oder Lebensgeschichte.“

Musikalisch umrahmt wurde die Gedenkfeier von Mitgliedern der Wasserburger Stadtkapelle. Im Anschluss öffnete noch das Psychiatriemuseum Gabersee und bot eine Führung für Interessierte an.